Wie vor 30 Jahren ein Patent (EP0039497) von ZEISS neue Maßstäbe für Gleitsichtbrillengläser setzte

Hilfe bei Alterssichtigkeit, einem Sehproblem der besonderen Art für die Optik – früher wie heute

Alterssichtigkeit (Presbyopie), die zusätzlich verminderte Sehleistung in der Nähe, ist seit jeher eine besondere Herausforderung bei der Fertigung von Brillengläsern gewesen. Denn beim Schleifen der Brillenglasoberfläche treffen viele verschiedene Formen optischer Linsen zusammen. Die Suche nach dem „Heiligen Gral“, dem perfekten Gleitsichtbrillenglas-Design, das ohne optisch unscharfe Bereiche auskommt, hält bis heute an. Doch Anfang der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gelang einem jungen Mitarbeiter aus der mathematischen Abteilung für Brillenoptik von Carl Zeiss ein richtungsweisender Coup im Bereich der Entwicklung von Gleitsichtbrillen.

Hilfe bei Alterssichtigkeit, einem Sehproblem der besonderen Art für die Optik – früher wie heute

Hilfe bei Alterssichtigkeit, einem Sehproblem der besonderen Art für die Optik – früher wie heute.

Die Idee, Brillengläser zu fertigen, die bei Alterssichtigkeit ein stufenloses Sehen von der Fernsicht zur Nahsicht bieten, existierte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1909 wurden die ersten Versuche unternommen, Gleitsichtgläser zu berechnen und zu verwirklichen. Allerdings ohne Erfolg. Aufgrund zu hoher Fehler der Optik kam es nicht zur Marktreife der Gläser. Erst 1956 gelang Bernhard Maitenaz von der Société des Lunetiers der Durchbruch, und sein Gleitsichtglas wurde zum Patent angemeldet. Der Grundstein für die heutigen Gleitsichtbrillengläser war gelegt. Auch Carl Zeiss verkaufte bereits seit 1970 unter dem Namen „Gradal“ Gleitsichtgläser dieser Art.

Was haben Gleitsichtgläser mit Horizontalsymmetrie zu tun?

Gerhard Fürter

Gerhard Fürter

Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts trat ein junger Mathematiker, direkt von der Universität kommend, in das Unternehmen Carl Zeiss ein. Quasi in eigener Regie entwickelte er in damals zeitaufwändigen mathematischen Linsen- und Flächenberechnungen mit Hilfe der Spline-Technik nicht nur neue Gleitsicht-Designs nach neuen Maßstäben, sondern schrieb auch die entsprechenden Computerprogramme dafür. Damals noch mit Lochkarten und auf Großrechnern mit stark begrenzten Kapazitäten.

 

Dies alles verfolgte unser junger Mitarbeiter nur mit einem Ziel: zukünftigen Brillenträgern ein Gleitsichtbrillenglas bieten zu können, das sie besser und natürlicher sehen lässt und das sie entspannt tragen und vertragen können. Keine Selbstverständlichkeit für damalige Verhältnisse.

 

Gerhard Fürter, so hieß der Mitarbeiter, ersann in Zusammenarbeit mit seinem Leiter der mathematischen Abteilung, Hans Lahres, einen Meilenstein in der Entwicklung von Gleitsichtgläsern, der Carl Zeiss 1981 mit dem Patent EP0039497 bestätigt wurde. Ein entscheidender Schritt in Richtung individuelles Gleitsichtglas war getan.

Doch was war das revolutionär Neue an dem Gleitsichtglas „Gradal HS“?

Im Jahr 1983 hat Carl Zeiss das innovative Gleitsichtglas „Gradal HS“ auf den Markt gebracht. Der Schlüssel dieses neuen Brillenglases war die von Gerhard Fürter entwickelte so genannte „Horizontalsymmetrie“ (HS). Diese gewährleistet bei Blickbewegungen gleichwertige Seheindrücke für das rechte und linke Auge und sorgt für ein entspanntes Binokularsehen, d.h. ein räumliches Sehen. Der Tragekomfort und die Verträglichkeit verbesserten sich entscheidend. Durch die Horizontalsymmetrie wird erreicht, dass der Brillenträger mit beiden Augen ein gleich scharfes Bild eines Objektes erhält.

Ein Knackpunkt bei Gleitsichtgläsern war bis zu diesem Zeitpunkt allerdings auch der Nahsichtbereich. Beim Lesen wandert unser Blick im Vergleich zur Fernsicht nicht nur nach unten, sondern auch näher zur Nase hin. Vor Gradal HS wurde daher das Gleitsichtglas etwa um 10° beidseitig zur Nase hin gedreht. Leider konnte die Horizontalsymmetrie dadurch nicht mehr erhalten werden. Fürter schaffte es, die Linse für den Nahbereich nicht mehr drehen zu müssen. Das bedeutet, die Vorteile der Horizontalsymmetrie blieben für das räumliche Sehen erhalten. Abbildungsfehler konnten vermieden werden. Das Brillenglas konnte nun insgesamt besser angepasst werden. Insgesamt waren die neuen Gleitsichtgläser dank eines vergrößerten Sehbereichs besser verträglich, auch und gerade im Nahbereich beispielsweise beim Lesen. Gleichzeitig schaffte man es, dünnere und flachere Gläser mit geringer Vorwölbung und hervorragenden Abbildungseigenschaften herzustellen: gut sehen und gut aussehen.

Gleitsichtbrillengläser heute

Aus dem jungen Mathematiker wurde über die Jahre hinweg eine wichtige Führungsperson im Hause Carl Zeiss und das bis heute. Seit der Entwicklung von Gradal HS fand darauf basierend eine enorme Entwicklung im Bereich der Gleitsichtgläser statt, die bis heute andauert. Augenakrobatik und lange Eingewöhnungszeiten sind passé. Gleitsichtbrillen haben sich etabliert und erfreuen sich großer Beliebtheit. Immer individueller, wie Maßanzüge für die Sehkraft, können Gleitsichtbrillengläser gefertigt werden. Ein Beispiel für die neueste Generation individueller Gleitsichtgläser ist Individual 2 von ZEISS.

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