Der Weg zum Erfolg

Unterzeichnung der Biebelrieder Absichtserklärung

Erste Annäherungen zwischen Ost und West – Der Weg zur Biebelrieder Absichtserklärung

Mit dem Fall der Mauer war für viele Zeissianer in Ost und West klar, dass sich nun auch für Carl Zeiss einiges ändern würde. Es dauerte jedoch noch fast zwei Jahre, bis die Unternehmen wieder vereint waren. Insbesondere die gegensätzlichen Standpunkte in Fragen der Carl-Zeiss-Stiftung erschwerten die Verhandlungen. Ein Meilenstein in der Geschichte der Wiedervereinigung von Carl Zeiss war die Biebelrieder Absichtserklärung im Mai 1990. Mit ihr bekundeten beide Seiten kurz vor Inkrafttreten der Währungsunion ihren Willen zum Zusammenschluss.

Bild oben: Wolfgang Adolphs (Vorstandssprecher SCHOTT Glaswerke), Dr. Klaus-Dieter Gattnar (Generaldirektor VEB Carl Zeiss, Jena), Dr. Horst Skoludek (Vorstandssprecher Carl Zeiss, Oberkochen) und Dr. Dieter Altmann (Betriebsdirektor VEB Jenaer Glaswerk; v. links) unterzeichnen die „Biebelrieder Absichtserklärung“.
[Fotograf: Hans-Werner Kreidner│Quelle: Carl Zeiss Archiv]

Sehr vorsichtig bahnte sich auf den Führungsebenen eine erste Annäherung an. Zu lange hatten sich die beiden Unternehmen feindselig gegenübergestanden, als dass sich die Unternehmensführungen jetzt unbefangen begegnen konnten. Aufeinander zugehen wollten die Zeissianer aus Ost- und Westdeutschland dennoch. Schließlich besaßen die beiden Unternehmen gemeinsame Wurzeln. Zuerst nahmen die Rechtsabteilungen telefonisch Kontakt miteinander auf, da sich die Referenten bereits kannten. Seit 1971 hatten sich diese regelmäßig getroffen, um komplizierte Fragen im Zusammenhang mit der Londoner Vereinbarung zu klären.

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Erstes Treffen in Jena

Erste Treffen in Jena

Wie schwierig die Annährung war, zeigt der erste Besuch der Oberkochener Betriebsräte in Jena im Januar 1990: Die Oberkochener Geschäftsführung wollte dieses Vorhaben verbieten, so dass die Betriebsräte als Privatpersonen reisten. Auch die Jenaer Geschäftsführung ließ keinen offiziellen Kontakt zu. Man traf sich also außerhalb des Werks.

Bild oben: Dr. Horst Skoludek (dritter v. l.) und Prof. Dr. Jobst Hermann (zweiter v. l.) besuchen im Februar 1990 den G-Betrieb des VEB Carl Zeiss Jena. Sie werden von Dr. Klaus-Dieter Gattnar (links) und Bernhard Kammerer (rechts), Betriebsdirektor des G-Betriebs, begrüßt. [Quelle: Archiv Carl Zeiss]

Am 2. und 3. Februar 1990 besuchte dann eine offizielle Delegation aus Oberkochen Jena. Angeführt wurde sie vom Vorstandssprecher Dr. Horst Skoludek, der in Jena studiert hatte. Er wollte mit dem neuen Generaldirektor Dr. Klaus-Dieter Gattnar sprechen. Viele Beispiele belegen, dass es für beide Seiten schwierig war, die richtige Balance zwischen Offenheit und Zurückhaltung zu finden.

So verschwieg Gattnar den Besuchern nicht, dass Vertreter der Carl-Zeiss-Stiftung in Jena, des VEB Carl Zeiss Jena und des VEB Jenaer Glaswerk bereits einen Antrag an die DDR-Regierung gestellt hatten, Carl Zeiss und Schott in das Eigentum der Carl-Zeiss-Stiftung zurückzuführen. Und das, obwohl er wusste, dass das Thema Carl-Zeiss-Stiftung eines der heikelsten in der Annährung sein würde. Andererseits hat Gattnar „Die Militärtechnik […] den Herren aus Oberkochen bei ihrem ersten Besuch in Jena am 2. Februar 1990 nicht gezeigt“, wie er in einem Interview ausführte.

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Ein Toast nach dem Unterzeichnen der Biebelrieder Absichtserklärung

Die Biebelrieder Absichtserklärung

Es folgten weitere intensive Gesprächsrunden, bei denen die Vertreter der Führungsebene eine gemeinsame Basis erarbeiteten. Am 29. Mai 1990 wurde in Biebelried, einem kleinen Ort in Unterfranken, die gleichnamige Absichtserklärung unterzeichnet.

Die Verhandlungen schildert Gattnar so: „Herr Skoludek und ich, wir haben uns in Biebelried im wahrsten Sinne des Wortes eingeschlossen, und zwar solange, bis es 'weißen Rauch' gab.“ Die Vereinbarung beinhaltete folgende Punkte:

Bild oben: Stoßen nach der Unterzeichnung der „Biebelrieder Absichtserklärung“ an: Wolfgang Adolphs (Vorstandssprecher SCHOTT Glaswerke), Dr. Horst Skoludek (Vorstandssprecher Carl Zeiss, Oberkochen), Dr. Dieter Altmann (Betriebsdirektor VEB Jenaer Glaswerk) und Dr. Klaus-Dieter Gattnar (Generaldirektor VEB Carl Zeiss, Jena; v. links). [Fotograf: Hans-Werner Kreidner│Quelle: Archiv Carl Zeiss]

  • Die Unternehmen streben den Zusammenschluss in einer gemeinsamen Stiftung an, „sobald dies nach Ansicht der beteiligten Unternehmen unter Berücksichtigung wirtschaftlicher und sozialer Gesichtspunkte möglich und vertretbar ist.“
  • In der Übergangszeit sollten die Unternehmen gegenseitig ihre rechtliche Selbstständigkeit achten und, wenn immer möglich, zum beiderseitigen Nutzen handeln.
  • Über die Nutzung der Firmen- und Warenzeichen sollte neu verhandelt werden. Eine Übereinkunft dazu folgte im September 1990 mit der Auerbacher Vereinbarung.
  • Von der DDR-Regierung wurde erwartet, mit der Privatisierung der Jenaer Unternehmen Bedingungen zu schaffen, die deren wirtschaftliche Lebensfähigkeit und das Erfüllen sozialer Pflichten ermöglichen.
  • Carl Zeiss, Oberkochen, und Schott Glaswerke, Mainz, waren in der Übergangszeit bereit, sich an privatisierten Kapitalgesellschaften des damaligen Kombinats VEB Carl Zeiss Jena zu beteiligen.
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