Die Mauer ist weg

Drei Zeissianer berichten, wie sie den 9. November 1989 erlebten.

Dr. Dieter Brocksch

Damals Produktmanagement Mikroskopie in Oberkochen,
2011 Leiter Technische Information und Ausstellungszentrum

Aufgewachsen in der Bundesrepublik, war die DDR für mich, trotz verwandtschaftlicher Verbindungen, fernes Ausland. Fern vom zentralen Geschehen in Berlin fragte ich mich damals: „Wird das gut gehen? Werden die Machthaber der DDR handeln wie am 17. Juni 1953? Werden sie wirklich einer beständigen Öffnung zustimmen?“

Für die Menschen freute ich mich, dass nun vielleicht die Chance bestand, dass die DDR-Bürger den aus westlicher Sicht einengenden Verhältnissen entkommen können. Die überschwänglichen Feierlichkeiten verunsicherten mich aber eher, weil ich erwartete, dass die DDR-Führung und auch die Sowjets das nicht lange dulden würden.

Ich war an dem Tag des Mauerfalls gerade einmal drei Jahre im Unternehmen und arbeitete im Produktmanagement des Bereiches Mikroskopie. Die Mikroskope aus Jena waren für mich nur in einigen Regionen der Welt Konkurrenzprodukte. Dass die beiden Unternehmen – Carl Zeiss in Jena und Carl Zeiss in Oberkochen – aufgrund des Geschehens im November 1989 wiedervereint werden würden, war zu diesem Zeitpunkt kein Gedanke.

Gründung des Werks in Oberkochen 1947

Gründung des Werks in Oberkochen 1947

Gründung des Werks in Oberkochen 1947
Oberkochener Lehrlinge 1973

Oberkochener Lehrlinge 1973

Oberkochener Lehrlinge 1973

Dr. Herbert Schaden

2011 Carl Zeiss MicroImaging,
damals Doktorand an der Universität Ulm

Zum Zeitpunkt des Mauerfalls im November 1989 hatte ich gerade meine Dissertation an der Universität Ulm (Abteilung Biophysik) begonnen. Zu Carl Zeiss hatte ich Kontakt als Kunde, da wir intensiv ZEISS Mikroskope im Labor benutzten. Mit dem Mauerfall ist für mich ein großer Wunsch wahr geworden: dass aus dem geteilten Deutschland wieder ein Land, mit dann hoffentlich gemeinsamen Zielen, wird. Mein erster persönlicher Kontakt mit den neuen Bundesländern fand jedoch erst zirka fünf Jahre später statt, auf meiner ersten Reise nach Jena im Sommer 1994, zum Einstellungsgespräch bei Carl Zeiss Jena in der Mikroskopie. Ich freue mich, Anteil am Wiedervereinigungsprozess bei Carl Zeiss und insbesondere an der Mikroskopie zu haben, mit hoffentlich wertvollen Beiträgen. Sicherlich war dieser Weg nicht immer einfach, aber dass er erfolgreich war, spiegelt die heutige Stärke der Mikroskopie im Unternehmen wider.

Jena 1945

Jena 1945

Jena 1945
Vor dem Jenaer Hauptwerk 1974

Vor dem Jenaer Hauptwerk 1974

Vor dem Jenaer Hauptwerk 1974

Anita Tobisch

damals Personalbereich Kombinat VEB Carl Zeiss Jena,
bis zum Ruhestand 2010 Personalabteilung Carl Zeiss Jena GmbH

Ich hatte in den Nachrichten gehört, dass man in Berlin die Mauer geöffnet hat. Das war unfassbar. Es kam so überraschend für uns alle! Am nächsten Tag gab es natürlich kein anderes Thema am Arbeitsplatz.

Im Betrieb haben alle nur über den Fall der Mauer gesprochen, haben Fernsehgeräte aufgestellt. Wir haben uns alle einfach nur gefreut, waren glücklich und sahen nur das Positive. Ich kann mich nämlich noch genau an den Bau der Mauer erinnern. Meine Oma hatte am 13. August Geburtstag. Wir fuhren von Bernau, einer Kleinstadt am Rande Berlins, über Ostberlin mit der S-Bahn durch West-Berlin zu ihr und mussten plötzlich aussteigen.

Keiner wusste, was los war. Als dann die Mauer gebaut wurde, dachte ich nicht, dass ich meine Verwandten je wieder sehen würde, geschweige denn, dass die Grenze jemals wieder geöffnet würde.

Der großen Freude über den Mauerfall folgte dann aber schon bald die Angst: Wie wird es weitergehen mit Carl Zeiss in Jena? Wer wird übernommen? Viele der damaligen Mitarbeiter, die ihre Jobs verloren, wollten nicht mehr mit ihren ehemaligen Kollegen sprechen, verhielten sich manchmal fast feindselig. Das war sehr enttäuschend. Ich hatte auch immer gedacht, dass der Osten und der Westen viel schneller zusammenwachsen, aber das wird wohl doch noch dauern.

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