"Wir wollen ein menschliches Gebäude"

Michael Keller, Architekt und Geschäftsführer des Architekturbüros Nething, spricht über den Entwurf zum neuen ZEISS Hightech-Standort Jena

Sie haben 2018 den städtebaulichen Ideenwettbewerb mit Ihrem Entwurf für sich entschieden. Was war Ihr Erfolgsrezept?
Für uns ist es immer wichtig, den Kundennutzen zu erkennen und uns darauf zu fokussieren. Offenheit, Modernität und Flexibilität waren die Attribute, die wir in der Gebäudestruktur, der Oberflächengestaltung und der Formensprache umgesetzt haben. An dem neuen Hightech-Standort in Jena sollten die für ZEISS notwendigen Funktionen auf moderne und vernetzte Weise integriert sein. Da wir das Unternehmen sehr gut kennen – wir haben bereits das Medizintechnik-Gebäude in Oberkochen und den ZEISS Innovationshub in Karlsruhe geplant – hatten wir natürlich die Markenwerte von ZEISS stets im Blick.

Was bedeutet „vernetzt“?
Vernetzung bestimmt die Gebäudestruktur. Sie gliedert sich in zwei in den Berghang integrierte Sockelgeschosse für Fertigung, Labore und Infrastruktur sowie mehrere darauf aufgesetzte Korpusse. Die oberen Gebäudeteile stehen nicht als Solitäre. Sie bilden einen in alle Richtungen vernetzten Organismus. Die überdachten Atrien reichen von der oberen Dachebene bis in die Sockelgeschosse. Dadurch bringen sie viel Licht in alle Funktionsbereiche und verbinden die Ebenen miteinander.
Mit „vernetzt“ ist aber auch die Kommunikation und Zusammenarbeit der Mitarbeiter gemeint, die durch die offenen und flexiblen Räume gefördert wird. So entsteht ein trotz seiner Größe immer noch menschliches Gebäude.

Wie sind Sie bei dem Wettbewerbsentwurf vorgegangen?
Wir arbeiten immer in einem Team. Bei diesem Projekt waren fünf bis sechs Architekten, Konstrukteure und weitere Fachplaner dabei. Einige kannten ZEISS und die Marke, andere waren noch unbefangen. Für uns besteht ein Entwurf immer aus mehreren Zutaten: Ganz wichtig war hier in Jena der Ort mit seiner Geschichte, der besonderen Lage, der Beziehung zur Stadt und zur Umgebung.
Wir sind hierhergefahren, haben uns die Stadt und Umgebung angesehen und die Geschichte recherchiert. Uns hat das Grundstück mit seiner Topografie besonders begeistert. Für uns war das nicht nur eine Herausforderung, sondern eine große Chance.

Der Entwurf hat viele weiße Flächen und Glasfassaden. Was steckt dahinter?
ZEISS ist ein Hightech-Konzern der optischen Industrie. Optik ist auch in der Architektur ein zentrales Element. Es geht viel um Sichtachsen und das Lenken von Licht, wie bei einem Prisma. Die Strahlenverläufe, die Transparenz, die dynamischen Formen und die Materialien spiegeln für uns die Markenwerte Präzision, Innovation und Modernität von ZEISS wider. Der hohe Weißanteil ist ebenfalls typisch für ZEISS. Es gibt aber als Kontrast auch schwarze und anthrazitfarbene Elemente.
Durch die Begrünung der Dächer und der Außenanlagen schaffen wir auf der anderen Seite einen engen Bezug zur Natur des Saaletales. Außerdem passt sich das Gebäude organisch in die Landschaft und die angrenzende Wohn- und Gewerbebebauung ein. Es wirkt fast wie eine ausgestreckte Hand zur Stadt hin. Auch das ist ein schönes Symbol für die Offenheit und die Vernetzung mit der Stadt, Wissenschaft und Wirtschaft.

Stand das Prisma als optisches Element sofort als Idee fest?
So schnell geht es leider nicht. Nicht immer ist die erste Idee auch die beste. Für einen Entwurf benötigt man manchmal Wochen oder, wie hier in Jena, sogar Monate. Wir haben uns zusammengesetzt und geplant, wieder verworfen und geformt, bis ein stimmiges Gesamtkonzept feststand.

Was ist mit möglichen Änderungen?
Wir Architekten arbeiten immer in unterschiedlichen Phasen. Wir sind gerade in der Vorplanungsphase. Hier gibt es noch viele Ungenauigkeiten, die im Laufe des Planungsprozesses weiter konkretisiert werden und Änderungen nach sich ziehen können. Unsere Planungsphilosophie ist dialogbasiert. 


Über das Architekturbüro Nething:
Nething ist ein unabhängiges, inhabergeführtes Architekturbüro mit 80 Mitarbeitern und über fünf Jahrzehnten Erfahrung im Planen, Bauen und Beraten. Der Fokus des Büros liegt auf Industrie, Büro und Wohnungsbau in Verbindung mit Innenarchitektur und Standortentwicklung. Hauptsitz ist in Neu-Ulm mit weiteren Büros in Leipzig und Berlin. 1967 von Frieder Nething in Ulm gegründet, wird das Architekturbüro heute von Axel Nething und Michael Keller geführt. Durch die Einbindung in die Nething Gruppe kann das Büro auf 180 Spezialisten aus den unterschiedlichsten Disziplinen des Hochbaus zurückgreifen.