Mit ZEISS auf Tiefsee-Expedition

Interview-Serie Teil 2

Auf der Suche nach den Wundern der Meere tauchen Kirsten und Joachim Jakobsen von der Rebikoff-Niggeler (FRN) Stiftung bis zu 1000 Meter hinab in die Tiefsee vor den Azoren. Mit dem einzigartigen Tauchboot "Lula1000" dokumentieren sie nie zuvor gesehene Arten und Organismen auf diesem Planeten. Seit 2016 begleitet ZEISS die Projekte. Eine kurze Pause zwischen den Tauchmissionen wurde für ein Gespräch mit Joachim Jakobsen über den Saisonverlauf und ihre Ziele genutzt.

Wir haben in unserem ersten Interview bereits mehr über die Hintergründe der Rebikoff-Niggeler (FRN) Stiftung erfahren. Aber wie kommt man überhaupt zur Tiefseeforschung?

Mit meinem Vater zusammen habe ich bereits als junger Mann meeresbiologische Unterwasserfotografie betrieben. Meine Eltern arbeiteten mit dem Ehepaar Dimitri Rebikoff und Ada Niggeler zusammen, Pioniere im Bereich der Unterwasser-Technologie und -Fotografie. Ich hatte also das Privileg, mir viel Spezialwissen in diesem Bereich bereits in frühen Jahren aneignen zu können. Die Begeisterung für dieses Thema und diese Technik wurde mir quasi in die Wiege gelegt.

Haben Sie eine Lieblingsfakt über den Ozean oder seine Bewohner?

Die Tatsache, dass nur weniger als 10 Prozent unserer Ozeane wirklich dokumentiert sind, ist unglaublich. Gleichzeitig Grund genug, technische Lösungen zu entwickeln, um das Wissen über die Meeresfauna, speziell in der Tiefsee, zu erhöhen.

Ein wesentliches Ziel der Arbeit der FRN-Stiftung ist die Entdeckung neuer Spezies: Wie viele konnten Sie bereits dokumentieren?

Gerade vor zwei Tagen konnten wir zum ersten Mal eine Chimäre (Seekatze) dokumentieren, deren Art noch nicht geklärt ist.

Mit Sicherheit wissen wir, dass wir einige Arten dokumentiert haben, die zwar bereits bekannt sind, deren Existenz aber nicht für die Azoren belegt war. Dies gilt z.B. für eine Garnelenart und für einen Tiefsee-Hai, der noch nicht taxonomisch identifiziert ist.

Eine riesige Entdeckung war natürlich das erste für die Azoren bekannte Korallenriff. Ob es sich bei dieser Koralle um eine neue Art handelt, ist noch nicht abschließend geklärt. Ein weiteres bislang gänzlich unbekanntes Korallenriff haben wir in 1000 Metern Tiefe nahe der Insel Pico entdeckt.

Die Riesen-Tiefsee-Auster Neopycnodonte zibrowii haben wir erstmalig lebend dokumentiert; sie war vorher nur in fossiler Form bekannt. Die erste Lebend-Dokumentation überhaupt ist uns auch beim Tiefsee-Hai Oxynotus paradoxus gelungen.

Bei den Wirbellosen, insbesondere Schwämmen, Korallen und sogar Einzellern, die wir mit einem ZEISS Mikroskop quantifizieren und qualifizieren, sind sicherlich noch einige neue Arten dabei. Hier steht noch die Katalogisierung und systematische Analyse von vielen Daten und Videos aus, die wir mit dem Tauchboot "LULA1000" gesammelt bzw. aufgenommen haben.

Können Sie uns etwas über die Technik berichten, die Sie für die Dokumentationen im Einsatz ist? Hat sich hier in den letzten Jahren ein Fortschritt bemerkbar gemacht?

Das Kernstück unserer Arbeit unter Wasser ist natürlich unser bemanntes (und befrautes) Tauchboot "LULA1000". Das Fahrzeug ist im Grunde eine motorisierte Tiefseekamera, entwickelt von unserer Rebikoff-Niggeler Stiftung, wobei die Personen, die Kameras bedienen, in der Linse — also der großen Plexiglaskuppel — sitzen. Dieses Fahrzeug perfektionieren wir mit der Zeit immer weiter; mit der rasanten Entwicklung des Kameramarktes für Überwasseranwendungen müssen wir auch unsere Unterwasserkameras laufend weiterentwickeln. Hier haben wir schon ein hohes Maß an Qualität erreicht und erfreuen uns entsprechender Nachfrage für Filmproduktionen. Doch die Entwicklung steht nie still.

Lassen Sie sich von anderen Forschern inspirieren und inspirieren Sie andere Forscher?

1. Werden oder wurden wir durch andere Forscher inspiriert? Ganz klar ja.

Hierzu gehören natürlich Dimitri und Ada Rebikoff, und Hans Hass.

2. Können wir andere Forscher inspirieren?

Wir hoffen, ja. Denn um Antworten auf wissenschaftliche Fragestellungen gerade in solch extremen Bedingungen wie der Tiefsee zu finden, spielt die verfügbare Technik für die Machbarkeit eines Experiments oder einer Studie eine zentrale Rolle.

Was für Experimente sind praktisch durchführbar beziehungsweise technisch umsetzbar in einer marinen Umgebung, in der ein Druck von 100 Bar herrscht?

Für die Arbeit in der Tiefsee ist letztendlich also die verfügbare Technik der limitierende Faktor. Und auf diesem Gebiet versuchen wir, die Ergebnisfindung für konkrete Fragestellungen voranzubringen, indem wir technische Lösungen suchen. Das kann hoffentlich auch andere Forscher inspirieren.

Zuletzt, was denken die Tiefseelebewesen wohl, wenn Sie das Tauchboot "Lula1000" antreffen?

Eine Begegnung der besonderen Art ist es immer, wenn "Lula1000" auf Lula trifft. Lula ist das portugiesische Wort für Kalmar. Oftmals haben wir das Gefühl, dass die Faszination beidseitig ist. Nicht nur wir finden diese Tiere außerordentlich spannend und anmutig, auch die Kalmare zeigen Neugier für unser Fahrzeug, schwimmen zum Jagen ins Licht unserer Scheinwerfer und "befühlen" uns. Was sie dabei denken, werden wir freilich niemals erfahren. Denn selbst wenn wir versuchen uns vorzustellen, wie es sich anfühlt, ein Kalmar zu sein, so können wir es doch immer nur aus unserer eingeschränkten menschlichen Wahrnehmung heraus tun.

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