Mit ZEISS auf Tiefsee-Expedition

Interview-Serie Teil 3

Auf der Suche nach den unbekannten Wundern der Meere tauchen Kirsten und Joachim Jakobsen von der Stiftung Rebikoff-Niggeler (FRN) bis zu 1000 Meter. Mit dem einzigartigen Tauchboot "Lula1000" dokumentieren sie die Tiefsee vor den Azoren und treffen dort auf nie zuvor gesehene Arten und Organismen auf diesem Planeten. Wir haben die Erfahrungen und Zukunftsvisionen der Forscher zum Jahresende gesammelt.

Die Tauchsaison 2016 ist nun abgeschlossen, was waren die Highlights der Missionen? Gab es eine besondere Entdeckung?

Kirsten Jakobsen: In diesem Jahr haben wir erstmal eine Expedition mit unserem Katamaran und U-Boot in die östliche Azorengruppe gemacht und uns dort neue Tauchgebiete erschlossen. Diese Expedition war sehr interessant, zumal eine deutliche Veränderung in der Tiefwasserfauna festzustellen war. Besondere Entdeckungen in diesem Sommer waren die Erst-Lebenddokumentation eines „Pelikanaals“ sowie die . Erstdokumentation einer (möglicherweise neuen) Art von Tiefsee-Anglerfischen und einer in den Azoren hiesigen Chimärenart (auch Geisterhai genannt).

Haben Sie Ihre Ziele für diese Saison erreicht?

Joachim Jakobsen: Mit diesen Entdeckungen haben wir unsere Ziele auf jeden Fall erreicht bzw. sogar übertroffen. Filmerisch füllen wir mit unserer Arbeit nach wie vor eine Nische aus.
Dies wird auch von Fernsehstationen weltweit anerkannt und wir konnten bereits viele Bilder von Tiefsee-Organismen für Fernsehproduktionen zur Verfügung stellen.

Wie oft sind Sie in dieser Saison mit der „LULA1000“ abgetaucht und wie lange dauert ein durchschnittlicher Tauchgang?

Joachim Jakobsen: Wir sind in diesem Jahr bis jetzt 23 Mal mit dem “LULA1000“ (hier gibt es ein Video) getaucht. Ein Tauchgang dauert im Schnitt 4 1/2 bis 5 Stunden. Von Ende Juni bis Mitte September waren wir mit unserem Katamaran "ADA REBIKOFF“ auf Expedition, um an den Azoren-Inselhängen von Pico, São Jorge und Santa Maria zu tauchen.

Im Saisonplan haben wir die „Crazy Pelagics“ gefunden – warum dieser „verrückte“ Name?

Kirsten Jakobsen: Die verrücktesten, also craziest Organismen, treffen wir im Pelagial an, d.h. im Freiwasser weit über dem Meeresboden. Diese Organismen faszinieren uns - seien es pelagische Fische, Leuchtquallen oder Kopffüßer. Diese Organismen sind teilweise richtige Designer-Tiere, und perfekt an ihren Lebensraum angepasst. Auch filmerisch ist es jedes Mal eine Herausforderung, etwa von einem kleinen pelagischen Oktopus möglichst gut ausgeleuchtete und schöne Aufnahmen mit nach oben zu bringen.

In der berühmten Science Fiction Serie Star Trek lautet das erklärte Ziel der Enterprise Missionen "Where no man has gone before": Fühlen Sie sich manchmal wie Captain James T. Kirk & Co?

Joachim Jakobsen: Auf jeden Fall. Nach den jüngsten Entdeckungen mehr denn je. Jeder Vorstoß in die Welt der Tiefe zeigt, dass das Entdeckerpotential dort enorm groß ist.

Vor kurzem wurde das Great Barrier Reef nach 25 Millionen Jahren von Rowan Jacobsen für tot erklärt. Eine drastische Aussage, wenn es heißt, die Ozeane sind ein Spiegelbild der Natur – welche Effekte sehen Sie für die Tiefsee?

Kirsten Jakobsen: An einem konkreten Projekt, an dem wir beteiligt sind, nämlich der Dokumentation von Müll während unserer Tauchgänge, sehen wir, dass der Mensch – je mehr er sich die Ozeane erschließt – naturgemäß auch seine Spuren hinterlässt. Korallen sind aufgrund ihres Kalkskelettes beispielsweise besonders verwundbare Organismen, die empfindlich auf chemische Veränderungen oder Temperaturunterschiede reagieren. Diese Effekte bleiben auch in der Tiefsee nicht aus.

Sie tauchen vornehmlich vor den Azoren – gibt es andere Tiefseegebiete, die Sie in Zukunft noch untersuchen möchten?

Kirsten Jakobsen: Das Seegebiet der Azoren ist riesig. Bislang haben wir uns auf ökologisch relevante Gebiete an den Inselhängen konzentriert. Es gibt aber im Seegebiet der Azoren auch entlegenere Hotspots wie etwa die hydrothermalen Schlot (vent field) oder einige Tiefseevulkane (Seamounts) - In diesen Gebieten wollen wir in den nächsten Jahren vermehrt tauchen.

Einige dieser Gebiete sind zu Schutzzonen deklariert bzw. gehören zum Netz der sog. Natura2000 Schutzgebiete, etwa das hydrothermale Schlot-Feld (vent field) Menez Gwen, oder die Bank D. João de Castro, zwischen den Inseln São Miguel und Terceira. Da die tieferen Gebiete dieser Schutzzonen bislang wenig oder gar nicht erforscht sind, besteht seitens der Regierung und hiesigen Forschungsinstitute großes Interesse am Erhalt von Daten aus diesen Gebieten.

Dennoch denken wir auch darüber nach, in 2018 eine Expedition in das Seegebiet von Madeira zu unternehmen, dies würde in Zusammenarbeit mit der dortigen Meeresforschungsstation geschehen.
 

In der Automobilbranche gibt es aktuell den Trend der autonomen Mobilität. Welche Rolle spielen Roboter für die Ozeanologie?

Joachim Jakobsen: Tauchroboter (ROVs), also ferngesteuerte Tauchfahrzeuge, die über ein Kabel mit dem Oberflächenschiff verbunden sind, finden auch in der Tiefsee-Forschung vermehrt Einsatz. Sie haben sicher ihre Berechtigung in manchen Anwendungen, zum Beispiel wenn es um das automatisierte Sammeln von Daten geht. Sie können aber in manchen Bereichen bemannte Fahrzeuge nicht ersetzen. Und der Einsatz von Tauchrobotern ist auch nicht weniger aufwändig oder wesentlich kostengünstiger.

Denken Sie, dass die Tiefseeforschung – für den Menschen ja extrem gefährlich – bald automatisiert wird?

Joachim Jakobsen: Die bemannte Tauchexpedition hat ganz klar ihre Berechtigung. Gerade in unserem Bereich kommt es auf die Anwesenheit vor Ort und die direkte Beobachtung an, eine Automatisierung ist hier nicht denkbar. Ein Roboter kann keinen Film drehen.
Wenn Sicherheitsstandards bei Komponenten und operative Sicherheit beim Betrieb eingehalten werden, ist diese Forschung mit keinen besonderen Risiken für die Insassen verbunden. Auch der Luftraum ist für uns Menschen eine lebensfeindliche Umgebung; dennoch begeben wir uns in Flugzeugen dauernd dort hinein, und dass zu ganz gewöhnlichen Zwecken (wie Städtereisen).
 

Wie stehen die Chancen, dass der Satz, „die Menschheit weiß weniger über die Ozeane, als über den Weltraum“ – bald nicht mehr gültig ist?

Kirsten Jakobsen: Wir denken, die Chancen stehen ganz gut, falls nicht morgen ein paar kleine grüne Männchen bei uns landen und alle wieder nur in den Weltraum schauen.
Zum Glück wird europa- und auch weltweit immer mehr Augenmerk auf den Zustand unserer Ozeane gelenkt. Teilweise fehlt es noch an der praktischen Umsetzung von Willenserklärungen, denn die Meeres- und gerade die Tiefsee-Forschung ist naturbedingt mit finanziellen Anstrengungen verbunden. Aber wir hoffen, dass wir mit der Fortführung unserer Arbeit, nämlich Daten über Tiefsee-Fauna und Habitate zu sammeln, einen kleinen Beitrag leisten können. Die Tiefsee ist für uns Menschen unendlich wie der Weltraum, sie zu erforschen und ihre Zusammenhänge zu begreifen ist bei beiden eine ähnlich unendliche, aber auch begeisternde Aufgabe.

Wir bedanken uns herzlich für die tollen Einblicke und wünschen für die Zukunft der Forschungs-Missionen viel Erfolg!

Erfahren Sie mehr über die Rebikoff-Niggler Stiftung oder entdecken Sie weitere Geschichten auf Twitter und Facebook über den Hashtag #Secretdeepsea.
 

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