„Für einige Patienten ist die IORT ein Segen“

Von einer „experimentellen Außenseiter-Methode“ zum „Segen für einige Patienten“: Brustchirurg Dr. med. Hans-Christian Kolberg spricht über die Entwicklung und die Vorteile der Intraoperativen Strahlentherapie in der Brustkrebsbehandlung.

ZEISS INTRABEAM 600

Während der operativen Tumorentfernung kann die intraoperative Strahlentherapie (IORT) zum Einsatz kommen: Das Tumorbett wird im Gegensatz zur externen Strahlentherapie direkt nach der OP gezielt bestrahlt, wodurch die Haut sowie umliegendes, gesundes Gewebe geschützt und die Dauer der Bestrahlung verkürzt wird. Dies kann Nebenwirkungen reduzieren und zu einer Entlastung des Patienten führen. Bei bestimmten Krebsarten, etwa bei Brustkrebs, kann die Nachbestrahlung verkürzt werden oder in einzelnen Fällen ganz entfallen – ein wichtiger Beitrag für mehr Lebensqualität.
ZEISS arbeitet mit dem Brustchirurgen Dr. med. Hans-Christian Kolberg eng zusammen. Das Gespräch* fand in der Klinik in Bottrop statt.

Herr Dr. Kolberg, mit Ihrem persönlichen Arbeitsschwerpunkt gynäkologische Onkologie leiten Sie die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Marienhospitals Bottrop seit 2005. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Intraoperativen Strahlentherapie in den vergangenen Jahren?

Noch vor zehn bis zwölf Jahren war die IORT eine absolut experimentelle Außenseiter-Methode, die innerhalb der Community der klassischen Strahlentherapie eigentlich gar nicht richtig wahrgenommen wurde. Inzwischen gibt es national wie international Empfehlungen zur Anwendung der IORT von Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) oder der American Society for Radiation Oncology (ASTRO). Die IORT hat tatsächlich einen Platz gefunden in der Brustkrebsbehandlung.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile der intraoperativen Strahlung?

Ganz praktisch gesehen gibt es einen zeitlichen Nutzen für die Patientinnen, denn sie müssen nicht 15 oder 25 Mal zu den Sitzungen der externen Strahlentherapie fahren. Das bedeutet auch geringere Kosten für das Gesundheitswesen. In manchen Regionen der Erde, etwa in China, gibt es längst nicht so viele Einrichtungen für die externe Strahlentherapie. Dort wird Patientinnen viel häufiger die Brust abgenommen. Mit der IORT könnte man auch in diesen Regionen der Erde zunehmend brusterhaltende Therapien anbieten.

Welche Vorteile sehen Sie in Bezug auf die Gesundheit?

Die Haut ist weniger Strahlentoxizität ausgesetzt, denn das Tumorbett wird ja direkt nach der OP bestrahlt – dafür wird die OP-Wunde genutzt. Der Vorteil dabei liegt auf der Hand: Während es bei der externen Strahlentherapie immer eine gewisse Unsicherheit gibt, ob genau die richtige Stelle bestrahlt wird, bringen wir die Strahlung mit der IORT direkt an den Tumor – und damit an die Stelle mit dem größten Risiko für einen Rückfall. Für onkoplastisch operierte Patientinnen, bei denen die Tumorentfernung mit einer plastischen Rekonstruktion der Brust kombiniert wurde, kann die IORT ein Segen sein. Denn ob der Arzt in diesem Fall mit dem externen Strahlentherapieboost Tumorgbett oder gesundes Brustdrüsengewebe trifft, ist völlig unklar.

Sie sind Chefarzt in einem Lehrkrankenhaus. Welche Empfehlung geben Sie anderen Ärzten für den Umgang mit der IORT?

Wir als Ärzte-Community sollten mittels Aufklärung über die wissenschaftlichen Daten dafür sorgen, dass mehr Patienten von dieser Möglichkeit profitieren. Ich plädiere dafür, dass jede Patientin auf die Möglichkeit einer IORT hin untersucht werden sollte – zumindest in den Brustkrebszentren, in denen die technischen Voraussetzungen für eine IORT gegeben sind.

Herr Dr. Kolberg, vielen Dank für das Gespräch!

 

*Das Gespräch fand am 23.03.2017 bei Dr. med. Hans-Christian Kolberg, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Bottrop, statt.