Virtuelle Realität – Seherlebnis in einer neuen Welt

Um in virtuelle Realitäten einzutauchen, braucht man heute eigentlich nur eine Virtual-Reality-Brille. Setzt man eine solche VR-Brille auf, erlebt man virtuelle Abenteuer in 360 Grad – ganz so, als wäre man selbst dabei. Hören Sie in unserem Podcast, was Sie über Virtual Reality wissen sollten und was Sie bei VR-Brillen beachten sollten.

Hörblicke: Was hat Virtual Reality mit Sehen zu tun?
Der entscheidende Bestandteil von Virtual Reality ist ja das Sehen an sich – und die virtuelle Realität quasi eine ganz neue Art des Sehens beziehungsweise des Seh-Erlebnisses.

Benjamin Hagen: Grundsätzlich zur Brille… Es gibt ja verschiedene Arten. Welche sind das?
Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen zwei Typen von Brillen. Es gibt die sogenannten stationären Brillen. Sie sind noch per Kabel mit dem Rechner verbunden. Und dann gibt es die mobilen Brillen, in die ich ein Smartphone stecke.  

Hörblicke: Funktioniert das mit jedem Smartphone oder gibt es Beschränkungen?

Benjamin Hagen: Es kommt immer auf die Brille an, grundsätzlich eignet sich aber jedes Smartphone. Es muss halt eine gewisse Rechenleistung mit sich bringen, und je höher das Display des Smartphones auflöst, desto besser. Mit den gängigen Betriebssystemen iOS und Android kommt man da eigentlich ganz gut weg, es gibt jede Menge App-Anwendungen.

Wie der 3D-Effekt bei den Virtual Reality Brillen entsteht

Hörblicke: Wie muss ich mir den Seheindruck mit einer VR Brille vorstellen?

Benjamin Hagen: Die Brillen sind mit Linsen ausgestattet, die das Bild so darstellen, dass es nicht wirkt als wäre es ein paar wenige Zentimeter vor meinen Augen, sondern tatsächlich ein Bild, das weit weg erscheint. Es wird also ein großer Abstand simuliert, so dass man sich fühlt, als wäre man mitten in einem Geschehen drin.

Hörblicke: Das Bild wird also über Linsen erzeugt. Das heißt also, Optiken in die Brillen verbaut, die mir ein Bild weiter weg „vorgaukeln“…

Benjamin Hagen: Ja, genau, grundlegend werden immer Linsen verwendet. In den Smartphone-basierten Geräten, um das Smartphone-Display entsprechend darzustellen, und in den alleinstehenden oder kabelgebundenen Brillen, um das Display, das in der Brille drin ist, entsprechend darzustellen.

Hörblicke: Wie entsteht der 3D-Effekt?

Benjamin Hagen: Dieser wird dadurch erzeugt, dass ich leicht verschobene Bilder für das linke und das rechte Auge habe. Auf einer Smartphone-basierten VR Brille wird das Bild normalerweise in zwei Teile aufgeteilt – einer für das linke Auge, einer für das rechte Auge. Und dazu kommt dann noch das Tracking. Das heißt, die Bewegung, die ich durchführe – in dem Fall die Kopfbewegung – wird dann sozusagen in dem Inhalt, den ich auf dem Smartphone durch die Brille sehen kann, übertragen. So kann ich mich beispielsweise in einem Raum umsehen.

Hörblicke: Ist diese Technik gleichzusetzen mit der der 3D Brillen, die man in 3D Kinos trägt?

Benjamin Hagen: Nein, ganz so ist es dann doch nicht. Dieser 3D Effekt ist nicht direkt mit der 3D Brille aus dem Kino vergleichbar. Das Sehen, das Umschauen in der virtuellen Welt, habe ich bei den 3D Kinobrillen wesentlich eingeschränkter, und ich habe nur eine große zweidimensionale Leinwand vor mir. Es wird zwar ein gewisser Tiefeneffekt erzeugt, aber bei den VR Brillen entsteht ja ein Mittendrin-Gefühl, dadurch, dass ich den Kopf nach rechts, links, oben, unten bewegen kann.

Hörblicke: Was habe ich für ein Sichtfeld bei einer VR Brille? Unsere Augen können ja nur bis 180° sehen…

Benjamin Hagen: Wenn wir von den Smartphone-basierten Brillen sprechen, beträgt der Blickwinkel 90° bis 100°, je nachdem, welche Linse eingebaut ist.

Hörblicke: Wie funktionieren VR Brillen für Brillenträger oder Menschen, die eine Sehhilfe benötigen?

Benjamin Hagen: Auch hier gibt es verschiedene Varianten. Bei vielen muss ich die Brille abnehmen und dann über die Linsen der VR Brille nachfokussieren beziehungsweise scharf stellen. Was problematisch sein könnte, denn die Augen können bei Sehfehlern ja unterschiedlich schlecht sehen. Es gibt aber auch Brillen, bei denen ich meine eigene Brille auflassen kann, weil die Linse so eingestellt ist, dass sie sowohl für Brillenträger als auch für Nicht-Brillenträger oder Kontaktlinsen-Träger funktioniert, weil hier verschiedene Sehabstände eingestellt sind.

Die Anwendungen von Virtual Reality Brillen sind heute schon sehr vielseitig

Hörblicke: Wo kommen VR Brillen heute zum Einsatz?

Benjamin Hagen: Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfach, aber wie es oft bei neuen Technologien ist, sind diese erst einmal stark durch einen Unterhaltungsfaktor geprägt. Ich kann auf eine Video Streaming Plattform gehen und mir ein 360° Video anschauen, mir nochmals mein Urlaubsvideo anschauen oder eben spielen. So kann ich zum Beispiel eine Weltraum-Simulation starten, in der ich in einem Raumschiff sitze und auf Asteroiden schieße. Es gibt aber auch immer mehr Unternehmen, die solche Brillen zu Marketingzwecken einsetzen. Sei es um Inhalte bei Veranstaltungen zu demonstrieren oder sie für den Tourismus-Bereich anzuwenden. So kann man schon Eindrücke von bestimmten Urlaubsorten anbieten oder den Gang über ein Kreuzfahrtschiff simulieren. Auch sind 360° Visualisierungen für den Immobilienmarkt sehr interessant. Ich möchte ein Haus planen, eine Wohnung oder vielleicht auch die Inneneinrichtung. Ich kann mir das selbst aber nicht wirklich gut vorstellen, und auch so eine 3D Zeichnung gibt mir vielleicht nicht den nötigen Einblick, den ich mir wünsche. Besser ist es, wenn ich mittels diverser Apps oder Programmen eine 360° Ansicht vor Augen habe.

Hörblicke: Wir haben mal mit einem Automobilhersteller gesprochen, für den das Thema auch sehr interessant war, besonders für die Autokonfiguration…

Benjamin Hagen: Ja, es ist tatsächlich Wahnsinn, was da eigentlich fast wöchentlich an neuen Anwendungen aus dem Boden schießt. Wie du sagst, kann ich bei Autokonfigurationen etliche Kombination zusammenstellen, sehe das Ergebnis dann aber trotzdem nur flach auf zweidimensionalen Papier oder auf dem Bildschirm. Aber wie es dann wirklich ist, sich in ein Auto reinzusetzen, das ich mir selber zusammengestellt habe, ist dann doch ein ganz anderes Erlebnis. Das ist aber auch eine Anwendungsmöglichkeit, die tatsächlich schon getestet und teilweise auch schon umgesetzt wird.

Hörblicke: Ich habe etwas gelesen zum immersiven Journalismus, der dahingeht, mich mit in ein Geschehen mitzunehmen. Ich bin also nicht mehr nur Zuschauer, sondern werde wirklich mit hineingezogen… Für mich klingt das recht beklemmend.

Benjamin Hagen: Es kommt natürlich immer auf den Inhalt an. Aber, ja, die großen Medienhäuser, die großen Verlage, sind bei dem Thema ganz vorne mit dabei, wie die New York Times oder BBC, die gerade viel Pionierarbeit leisten. Wenn man sich vorstellt, dass man einen so genannten embedded journalist begleitet, der mit Spezialeinheiten mitten in einem Geschehen ist – und du bist auch mittendrin dabei, ja, das kann schon beklemmend sein. Aber grundsätzlich gibt es weit weniger befremdliche oder gefährliche Situationen, die du mitverfolgen kannst und mit denen für den Zuschauer so eine neue Erlebnis-Ebene geschaffen wird.

Hörblicke: Ein gutes weiteres Anwendungsszenario sind für mich Konzerte, die ich gar nicht mehr live besuchen muss, sondern bequem von zu Hause aus miterleben.

Benjamin Hagen: Genau. Du kannst zum Beispiel kein Ticket mehr erwerben, weil ein Konzert schon nach fünf Minuten komplett ausverkauft ist. Was machst du jetzt? Für Konzertanbieter wäre eine VR-Lösung sicherlich eine sehr interessante Vertriebsmöglichkeit. Man stellt eine 360° Kamera im Publikum auf, und du erlebst das Konzert dann hautnah mit. Ein paar Testballons dazu habe ich auch schon gesehen. Tickets wurden also nochmal verkauft an Leute, die das Ganze dann gemütlich zu Hause auf dem Sofa mit der VR-Brille verfolgt haben.

Schaden Virtual Reality Brillen den Augen?

Hörblicke: Wie sieht es mit dem Sehvermögen aus? Eine VR Brille habe ich ja ganz dicht vor meinen Augen, außerdem emittiert sie ja auch blaues Licht. Schädlich – ja, nein?

Benjamin Hagen: Nach meinem Kenntnisstand nicht gibt es nach wie vor keine ausführlicheren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem Frage, wie VR Brillen die Sehfähigkeit beeinträchtigen. Was man aber sagen kann ist, dass generell davon abgeraten wird, Kindern unter 14 Jahre die Nutzung dieser Brillen ohne elterliche Aufsicht und auch über einen längeren Zeitraum zu ermöglichen, weil sich ihre Augen ja noch im Entwicklungsstadium befinden, und man einfach noch nicht abschätzen kann, inwieweit sich eine intensivere Nutzung auf die Entwicklung der Augen auswirken könnte.

Hörblicke: Dennoch nochmal zu meiner Frage. Bei der VR Technologie wird mein Gehirn ja quasi ausgetrickst. Und da ist eben meine Frage: Ist das wirklich noch „natürlich“?

Benjamin Hagen: Ja, bei VR trickst der Computer das Gehirn aus. Wir können derzeit aber noch nichts darüber sagen, dass das negative Auswirkungen mit sich zieht. Ein Phänomen, das es natürlich gibt, ist die „VR-Krankheit“, auch motion sickness genannt, die eine Form von Übelkeit oder Kopfschmerz ist und bei langer Nutzung kurzfristig auftreten kann.

Hörblicke: Gut, ich schaue ja auch auf sehr kurzer Distanz auf das Display. Wenn ich die VR Brille abnehme, schaue ich ja schnell wieder auf eine weite Sehentfernung, auf die sich die Augen und das Gehirn ja erst einmal wieder gewöhnen müssen. Heißt, ich sollte mich nach längerer Nutzung wohl nicht gleich hinter das Steuer meines Autos setzen, oder?

Benjamin Hagen: Genau, darauf verweisen wir auch immer. Also, wer die VR-Brille längere Zeit getragen hat, soll bitte keine schweren Maschinen oder ein Fahrzeug bedienen, weil es eben kurzfristig zu den oben genannten Folgen kommen kann.

Hörblicke: Nochmal kurz zum blauen Licht. Wie verhält es sich hier mit der Emission bei einer VR-Brille?

Benjamin Hagen: Derzeit kann man diesen Aspekt bei VR-Brillen wohl eher vernachlässigen. Wenn wir auch klar dazu raten, die Brille mindestens eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen nicht mehr zu nutzen, weil es ja bekannt ist, dass das hochenergetische Licht von Smartphones und Tablets, auch von VR-Brillen, unseren Schlafrhythmus stört.

Die Zukunft von Virtual Reality Brillen – nur eine Brückentechnologie?

Hörblicke: Werden VR-Brillen auch schon als Sehhilfen eingesetzt? Zum Beispiel als „Vergrößerungshilfe“?

Benjamin Hagen: Ich kenne tatsächlich jemanden, der an einer Lösung für sehr stark seheingeschränkte Menschen arbeitet. Leider weiß ich aber nicht, wie marktreif diese oder andere Lösungen sind, aber daran wird definitiv geforscht und entwickelt.

Hörblicke: Wie siehst du generell die Zukunft für Virtual Reality?

Benjamin Hagen: Ich gehe stark davon aus, dass VR uns in den kommenden Jahren noch stark begleiten wird, vielleicht aber auch als Brückentechnologie für andere, neue Entwicklungen – zum Beispiel für die sogenannte Augmented Reality, bei der das real Gesehene um virtuelle Einblendungen ergänzt wird. Aber gerade im deutschsprachigen Raum befinden wir uns derzeit noch an einem Punkt, an dem viele Leute den Begriff virtuelle Realität gerade einmal gehört haben. Wir stehen also noch relativ am Anfang – und das Thema ist derzeit stark durch das Thema Gaming geprägt.

Grundsätzlich gibt es aber schon sehr interessante Weiterentwicklungen, die sich bei VR nicht nur um das reine Sehen beschränken, sondern auch Bewegungen mit einbeziehen, so dass ich bei virtuellen Spielen beispielsweise mit den Händen greifen oder meine Beine einsetzen kann.

Hörblicke: Und die Virtual Reality wird uns vielleicht bald beim Thema Übergewicht eine Lösung bieten?

Benjamin Hagen: Ich weiß nicht, inwieweit wir da bald eine massentaugliche Lösung haben werden, aber auch hier gibt es schon Einsatzmöglichkeiten. So habe ich über jemanden gelesen, der dank der virtuellen Realität auf seinem Heimtrainer einmal durch Großbritannien geradelt ist und dabei 25 Kilo abgenommen haben soll…

Hörblicke: Letzte Frage: Wie liegen solche VR Brillen preislich?

Benjamin Hagen: Das variiert ganz stark. Ich habe eingangs gesagt, dass es zwei verschiedene Systeme gibt. Bei den mobilen VR Brillen, die Smartphone basiert sind, sind die Kosten wirklich gering. So gibt es schon Varianten, die aus Pappe gebaut sind, und die kosten so fünf bis zehn Euro, bringen aber natürlich auch ein entsprechendes Ergebnis mit sich. Die Premium-Variante bewegt sich dann so um die 100 Euro und bietet eine gute Verarbeitung, einen guten Tragekomfort und gute Linsen. Und wenn wir von den Computer gebundenen, also stationären Systemen, sprechen, bewegen wir schnell ab 600 Euro aufwärts allein für die Brille plus Controller plus Rechner, also bin ich schnell ein paar Tausend Euro los.

Hörblicke: Gibt es das denn auch schon Lösungen, in denen der Rechner gleich in die Brille integriert ist?

Benjamin Hagen: Ja, das gibt es in der Tat. Hier handelt es sich um Hybrid-Modelle, in die die komplette Rechenleistung in der Brille „verbaut“ ist, mit Display und so weiter und so fort, aber auch hier wird noch nicht die Qualität erzeugt, wie sie mit Kabel gebundenen Headsets erreicht wird. Aber viele sehen in diesen Modellen eine Zukunft, weil man sich durch sie wesentlich freier bewegen kann.

Die Hörblicke im Gespräch mit Benjamin Hagen, Marketing Manager Smartphone Accessories, ZEISS

Die Hörblicke im Gespräch mit Benjamin Hagen, Marketing Manager Smartphone Accessories, ZEISS

Wir verwenden Cookies auf dieser Website. Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Computer gespeichert werden. Cookies sind weit verbreitet und helfen Seiten optimiert darzustellen und zu verbessern. Durch die Nutzung unserer Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. mehr