Je individueller – je besser

Interview mit dem Augenoptikermeister Tobias Fiess aus Pforzheim zum Thema Brillenkauf

BESSER SEHEN besuchte den Augenoptiker Tobias Fiess in Pforzheim und sprach mit ihm darüber, wie individuell eine Beratung und Untersuchung beim Augenoptiker sein muss und wie eine solche vor sich geht: von der Anamnese über den Sehtest bis hin zur Brillenkonfiguration sowie der Zentrierung.

Tobias Fiess

Tobias Fiess, Inhaber Fiess Augenoptik Pforzheim

BESSER SEHEN: Herr Fiess, je individueller eine Brille auf ihren Brillenträger angepasst ist, desto besser. Kann man sagen, dass dies die Philosophie Ihres Augenoptikgeschäftes ist?


Tobias Fiess: Das kann man durchaus so sagen. Aber um es gleich vorwegzunehmen – das bedeutet nicht, dass wir jedem unserer Kunden das teuerste individuell gefertigte Brillenglas verkaufen wollen. Es bedeutet, dass es uns am wichtigsten ist, die bestmögliche und am besten passende Sehlösung für den jeweiligen Kunden auszuwählen. Wir möchten ganz genau herausfinden, welche Brillengläser den Bedürfnissen am besten entsprechen. Das Brillenglas-Portfolio und die einzelnen Technologien von ZEISS bieten vom einfachen Einstärkenbrillenglas bis zum individuellen Gleitsichtbrillenglas alle Möglichkeiten. Ein Beispiel: Ein Erstbrillenträger   mit einer sehr leichten Sehschwäche, der eine Brille hauptsächlich zum Autofahren oder Fernsehen benutzen möchte, muss hinsichtlich der Brillenglasausstattung und -veredelung anders beraten werden als ein langjähriger Brillenglasträger mit starker Kurzsichtigkeit, der erstmalig auf eine Gleitsichtbrille umsteigt.

BESSER SEHEN: Sie müssen also ein breites Angebot parat haben und stellen die Brille wie ein Puzzlespiel gemeinsam mit Ihrem Kunden zusammen?

Tobias Fiess: Genau so ist es. Da nicht jeder gleich seine Bedürfnisse formulieren kann, benötigt man ebenso ein gutes Einfühlungsvermögen und eine gute Beobachtungsgabe. Es beginnt mit der so genannten Anamnese. Da besprechen wir mit dem Kunden, für was er die neue Brille benötigt, welche Sehprobleme er hat oder auch in welchen Situationen die neue Brille möglicherweise nicht alle Anforderungen erfüllen kann. All diese Punkte berücksichtigen wir später bei der Konfiguration der Brillengläser.

Der i.Profiler® von ZEISS liefert uns die ersten wichtigen Messdaten, sagt uns also quasi, um welche Fehlsichtigkeit es sich beim Kunden handelt. Mit Hilfe der Wellenfront-Technologie werden zusätzlich die so genannten Fehler höherer Ordnung der Augen gemessen. Damit erhalten wir noch detailliertere Informationen über den Zustand des Sehens. Wir können mit dem i.Profiler® auch sehen, wie es sich mit der Sehkraft z.B. bei geringeren Lichtverhältnissen verhält. Das ist ganz entscheidend für das Sehen bei Nacht und in der Dämmerung. Anhand dieser Messdaten, die das individuelle Augenprofil beider Augen ähnlich wie einen Fingerabdruck darstellen, kann man sehr viel erkennen – eine so genannte Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) oder auch Ansätze altersbedingter Augenerkrankungen. In solchen Fällen arbeiten wir eng mit Augenärzten zusammen. Die Messdaten des i.Profilers® sind die Basis für den dann folgenden subjektiven Sehtest (die klassische Refraktion).

Je individueller – je besser

ZEISS Vision Partner Fiess Augenoptik Pforzheim

BESSER SEHEN: Inwieweit gehen diese Messergebnisse des i.Profilers® in die eigentliche Fertigung der Brillengläser ein?

Tobias Fiess: Die i.Scription® Technologie von ZEISS ermöglicht es, die Werte des i.Profilers® individuell bei der Fertigung der Brillengläser zu berücksichtigen. Ob dies für den Einzelnen notwendig ist und eine Verbesserung des Sehens bringt, erklären wir dem Kunden an dieser Stelle. Denn nicht jeder benötigt diese individualisierten Brillengläser bzw. hat Sehprobleme speziell in der Nacht oder während der Dämmerung.

Mit der Ausstattung der Brillengläser – beispielsweise polarisierende Gläser, Tönungen oder selbsttönende Brillengläser – verhält es sich ähnlich. Ganz den Bedürfnissen entsprechend beraten wir den Kunden, was er benötigt und was nicht – ähnlich wie beim Kauf eines Autos. Wert legen sollte man aber grundsätzlich auf eine hochwertige Entspiegelung.

BESSER SEHEN: Wie werden nun die Brillengläser entsprechend der ausgewählten Brillenfassung angepasst?

Tobias Fiess: Das ist der nächste entscheidende Schritt der Brillenkonfiguration. Das hochwertigste und perfekt auf die Sehstärke angepasste Brillenglas kann seine volle Leistung nicht entfalten, wenn die Zentrierung, d.h. die Anpassung der Brillengläser auf Brillenfassung, Augenabstand sowie Körperhaltung, nicht stimmt. Da können Zehntelmillimeter entscheidend sein! Haben wir mit dem Kunden die Brillenfassung und die Art der Brillengläser ausgewählt, messen wir, wie der Kunde mit der gewählten Brillenfassung durch das Brillenglas schaut. Früher hat man das eher manuell gemacht. Heute können wir da viel genauer – auf Zehntelmillimeter genau – arbeiten und nutzen das i.Terminal® von ZEISS. Der Kunde stellt sich mit der ausgewählten Brillenfassung vor das Gerät, und die Zentrierung wird anhand jeweils einer Messung von vorn und von der Seite präzise ermittelt.

Hierbei ist es wichtig, dass der Kunde entspannt steht und so durch die Brille schaut, wie er es im Alltag normalerweise tut. Je genauer wir wissen, wie der Kunde durch seine neue Brille sieht, wie die Neigung der Brillenfassung ist und wie die Brille auf der Nase sitzt, desto besser kann das Brillenglas zentriert werden und die richtige Sehunterstützung für den individuellen Blick bieten. Das ist bei Gleitsichtgläsern noch entscheidender, um die drei Sehbereiche (Ferne, Zwischenbereich und Nähe) bestmöglich anpassen zu können. Dabei hängt die Spontanverträglichkeit der Gleitsichtgläser von der richtigen Zentrierung und natürlich vom ausgewählten Glasdesign ab.

BESSER SEHEN: So bedeutet Individualität nicht nur die Fertigung individueller Brillengläser – beispielsweise im Design von Gleitsichtgläsern, sondern auch, bei so genannten Standard- oder einfacheren Sehlösungen auf den jeweiligen Menschen genau einzugehen. Was raten Sie Ihren Kunden?

Tobias Fiess: Gutes Sehen ist wertvoll. Wir versuchen, unseren Kunden selbstverständlich an allen Stellen der Messung und Auswahl nachhaltig und genauestens zu beraten, ihm alles zu erklären und ihn auf das „neue Sehen“ vorzubereiten. Ergebnis: Die allermeisten Kunden kommen auch spontan mit ihrer neuen Brille bestens zurecht. Und ich bitte sie, wiederzukommen, falls dies einmal nicht der Fall sein sollte und sie nach ein paar Tagen feststellen, dass sie sich mit der neuen Brille nicht wohl fühlen. Wir überprüfen Brille und Brillengläser gerne, finden die Ursache und sicherlich eine Lösung. Oft hilft schon mein Tipp, das erstmalige Tragen speziell bei einer neuen Gleitsichtbrille nicht gleich zu beginnen, wenn der Kunde meinen Laden verlässt. Man sollte den neuen Tag mit der neuen Gleitsichtbrille starten. Ausgeruht und in gewohnter Umgebung kann man sich schneller an das „neue Sehen“ gewöhnen. Aber das gilt eigentlich nicht nur für das Sehen – grundsätzlich gewöhnt man sich eben leichter in gewohnter Umgebung, ohne Stress und Hektik.

BESSER SEHEN: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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