Verwirrung um weibchenfarbige Kornweihen:
Neue Bestimmungsmerkmale

Gerry Dobler

Am Federsee in Südwestdeutschland nördlich des Bodensees befindet sich einer der größten Winterschlafplätze der Kornweihe. Seit 1955 wurden die dortigen Bestände gezählt, wobei immer zwischen adulten Männchen und weibchenfarbigen Kornweihen unterschieden worden ist. Eine nähere Differenzierung dieser „Weibchenfarbigen“ in juvenile und adulte Weibchen, sowie juvenile Männchen wurde nicht vorgenommen.

Meine vor Jahren durchgeführten Versuche, weibchenfarbige Kornweihen zu differenzieren, begannen mit dem Studium der besten Bestimmungsbücher, wobei ich gleich zu Anfang mit teilweise widersprüchlichen Angaben konfrontiert wurde. In dem auch heute noch renommiertesten Buch fand ich schließlich eine Vergleichszeichnung, wonach juvenile Kornweihen oberseits dunkler gefärbt und durch eine von „hellen Spitzen der großen Oberflügeldecken“ gebildete Linie auf der Flügeloberseite gekennzeichnet sind. Da ich in anderen Büchern dazu keinen Widerspruch finden konnte, startete ich zur praktischen Erprobung auf die Beobachtungsplattform am Federsee, von der aus man damals direkt auf die einfliegenden Kornweihen herabblicken konnte. Es hat nicht lange gedauert, bis ich eine Weihe mit den innerhalb des Buches dargestellten Merkmalen finden konnte. Während ich diesen Vogel beobachtete, hatte ich mehrmals den Eindruck, eine gelbe Iris erkannt zu haben, was jedoch den Angaben in den Bestimmungsbüchern widersprach. Zuhause fand ich jedoch dann in einem speziellen Greifvogelbestimmungsbuch eine Bemerkung, wonach männliche Jungvögel der Kornweihe von ihren Schwestern durch die gelbe Iris unterschieden werden können. Offensichtlich war meine Kornweihe ein männlicher Jungvogel, was ich so schnell wie möglich nochmals bestätigt haben wollte.

Als ich am frühen Nachmittag des nächsten Tages erneut auf der Beobachtungsplattform stand und „mein“ Vogel abends zum Schlafplatz zurückkehrte, konnte ich die gelbe Iris bestätigen. Es machte mich doch etwas stolz, erstmalig einen tatsächlich sicher bestimmten männlichen Jungvogel identifiziert zu haben, wenngleich auch nur für ein paar Minuten. Denn als sich der Vogel im Schilf niederließ, konnte ich eindeutig sehen, wie er ein dort zuvor wohl schon sitzendes adultes Männchen hochjagte. Als dieser Vogel sich direkt neben „meinem” Vogel erhob, musste ich leider feststellen, dass der von mir ausgemachte Vogel viel größer und breitflügeliger war als das graue Männchen! Meine Hoffnung, die “Zwergweihe“ als neue Spezies entdeckt zu haben, schwand schnell. Denn beim Umherfliegen unter weiteren grauen Männchen war das aufgescheuchte Männchen kein bisschen kleiner als diese. Zutiefst verunsichert fand ich mich am späteren Abend wieder inmitten meiner Bücher. Da mein Versuch, das Problem von der Körperoberseite der Weihen her zu lösen kläglich gescheitert war, versuchte ich die Sache nun von der Körperunterseite her anzugehen. Die Bücher verlangten diesbezüglich, nach den für Jungvögel kennzeichnenden unterseits dunklen Armschwingen und einer „rost-beigen“, „ockerfarbigen“ oder „rostfarbenen“ Körperunterseite zu suchen.

Um die Vögel unterseits besser betrachten zu können, begab ich mich zu den Jagdgründen der Kornweihen in den umliegenden Feldern. Es dauerte nicht lange, bis ich einen typischen Vogel mit den gesuchten Merkmalen inmitten einer Wiese ausmachen konnte. Ich beobachtete ihn durch mein Spektiv. Zu meiner Überraschung entdeckte ich hier aber wieder eine gelbe Iris, erinnerte mich aber gleich an das spezielle Greifvogelbestimmungsbuch, welches männlichen Jungvögeln eine gelbe Iris zuwies. Somit musste es sich bei dieser Kornweihe also um einen männlichen Jungvogel handeln. Nach ein paar Minuten hob die Weihe ab und begann, einer anderen vorbeifliegenden weibchenfarbigen Kornweihe hinterher zu jagen, welche eine Wühlmaus trug. Als der Verfolger unmittelbar hinter seinem Opfer herjagte, bis dieses seine Beute fallen ließ, wurde überraschenderweise sichtbar, dass „mein“ Vogel deutlich größer war als die gejagte Weihe, welche unterseits viel heller war und dadurch weitgehend der Buchbeschreibung eines adulten Weibchens entsprach.

Ein schwaches kleines adultes Weibchen gejagt von einem deutlich größeren männlichen Jungvogel machte nun überhaupt keinen Sinn mehr und meine Verwirrung war größer als jemals zuvor. Ich kam nun aber endgültig zu dem Schluss, dass sich jemand von Null an um dieses offensichtlich sehr komplexe Thema kümmern musste.

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