Professorin Michèle Finck sitzt in einem weißen Besprechungsraum und schaut mit einem freundlichen Lächeln in die Kamera. Michèle hat schulterlanges braunes Haar und trägt ein schwarzes Oberteil mit kleinen weißen Punkten.
ZEISS Beyond Talks

Interview mit Professorin Michèle Finck

Professorin Michèle Finck arbeitet an der Schnittstelle von Recht und Informatik. Sie bekleidet die von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderte Professur für Recht der Künstlichen Intelligenz an der Universität Tübingen und ist Co-Direktorin des Carl-Zeiss-Stiftung Instituts für Künstliche Intelligenz und Recht. Sie untersucht, wie Rechtsstrukturen Innovationen fördern und gleichzeitig Menschen und öffentliches Interesse schützen können.1

Seit über 175 Jahren stellt man sich bei ZEISS die Frage: Wie können wir die Grenzen der Vorstellungskraft herausfordern? Diese Vision war für ZEISS der Anlass, in der Gesprächsreihe ZEISS Beyond Talks den Austausch mit Vordenkern und führenden Intellektuellen aus der ganzen Welt zu suchen und mit ihnen über ihre Arbeit, ihre Visionen, ihre Leidenschaften und aktuelle Fragen im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung unserer Welt zu sprechen.

Können Sie kurz Ihren aktuellen Forschungsschwerpunkt beschreiben?

An der Universität Tübingen und am Carl-Zeiss-Stiftung Institut für Künstliche Intelligenz und Recht untersuchen wir Fragen an der Schnittstelle von Recht und Informatik. Wir verfolgen einen interdisziplinären Ansatz, um die Auswirkungen von Technologien wie KI auf das reale Leben zu verstehen.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich schwerpunktmäßig mit dem AI Act der EU zur Regulierung künstlicher Intelligenz und verschiedenen Bereichen des EU-Datenrechts sowie der EU-Datenschutzverordnung beschäftigt, insbesondere mit ihrem Verhältnis zu KI.

Welche Rolle spielen Gesetze für die Gestaltung von Innovationen?

Gesetze prägen Innovationen, indem sie den Rahmen für gesellschaftliche oder ökologische Ziele vorgeben. Denken wir beispielsweise an die Regulierung von Chemikalien oder Lebensmitteln.

Gesetze gestalten den Umgang mit den Risiken, die mit bestimmten Arten von Innovationen verbunden sein können. Sie können sicherstellen, dass nur Produkte mit beherrschbaren Risiken tatsächlich auf den Markt kommen.

Wie hat das Rechtssystem historisch betrachtet bisher auf technologische Innovationen reagiert?

Wir sehen hier zwei wesentliche Muster. In einigen Fällen fand zuerst die technologische Entwicklung statt und das Regelwerk folgte darauf. Das ist stark vereinfacht, aber denken Sie beispielsweise an die Anfänge des Internets. Gesetzliche Regeln wurden größtenteils erst eingeführt, als es bereits auf breiter Basis genutzt wurde. In anderen Bereichen antizipierte die Rechtsprechung den technologischen Wandel und bereitete sich darauf vor.

Autonomes Fahren ist ein gutes Beispiel hierfür: Mehrere Rechtssysteme haben ihr Regelwerk Jahre im Voraus angepasst, um auf die neue Technologie vorbereitet zu sein und die Einführung zu erleichtern. Das EU-Gesetz zur Künstlichen Intelligenz enthält ähnliche vorausschauende Elemente – beispielsweise antizipiert es KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck, die systemische Risiken bergen, und legt Regeln dafür fest.

Was sind die zentralen Ziele des europäischen KI-Gesetzes, insbesondere in Bezug auf KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck?

Ein ausdrückliches Ziel des KI-Gesetzes ist es, die mit KI verbundenen Risiken auf eine Weise zu minimieren, die das Vertrauen der Öffentlichkeit stärkt. Das Gesetz definiert Anforderungen für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck, um mögliche systemische Risiken abzuwenden. Gleichzeitig beinhaltet es Instrumente für regulatorische Spielräume, die Innovationen anregen sollen, denn gute Regulierung sollte sowohl die Gesellschaft schützen als auch Innovationen fördern.

Warum sind Daten und Datenschutz für KI so wichtig?

Daten sind im Wesentlichen Informationen und der Treibstoff für KI-Systeme, damit diese sinnvolle Resultate erzielen. Große KI-Modelle sind auf umfangreiche und vielfältige Datensätze angewiesen, um Muster zu erlernen und Ergebnisse zu generieren. Das Datenschutzrecht hat eine komplexe Geschichte und stellt im Kern sicher, dass Menschen die Kontrolle über ihre personenbezogenen Daten behalten. Dieses Recht auf Kontrolle ist in Bezug auf KI-Systeme von elementarer Bedeutung, da sie Daten in großem Umfang verarbeiten und daraus Erkenntnisse gewinnen.

Professorin Michèle Finck sitzt in einem weißen Besprechungsraum und schaut mit einem freundlichen Lächeln in die Kamera. Michèle hat schulterlanges braunes Haar und trägt ein schwarzes Oberteil mit kleinen weißen Punkten.

Gesetze tragen dazu bei, dass neue Technologien der gesamten Gesellschaft zugutekommen.

Prof. Michèle Finck Carl-Zeiss-Stiftungs-Professorin für das Recht der Künstlichen Intelligenz
Universität Tübingen

Die Europäische Union hat eine führende Rolle bei der Datenregulierung. Was zeichnet ihren Ansatz aus?

Die Europäische Union war in den letzten Jahren Vorreiter bei der Datenregulierung. Zusätzlich zu der seit 2018 geltenden Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) wurde der EU Data Act und der EU Data Governance Act verabschiedet.

Die EU hat hiermit weltweit eine Führungsrolle eingenommen, da sie Daten strenger reguliert als so gut wie jedes andere Rechtssystem auf der Welt. Sie hat weltweit Maßstäbe für den Datenschutz gesetzt.

Welche Rolle spielen Gesetze in der Sicherstellung einer menschzentrierten KI?

Wie auch bei früheren technologischen Innovationen tragen Gesetze dazu bei, dass neue Technologien der gesamten Gesellschaft zugutekommen und nicht nur den Unternehmen, die sie entwickeln. Dafür regelt die Rechtsprechung den Umgang mit Risiken und legt Bedingungen fest, unter denen Produkte und Dienstleistungen auf den Markt kommen können. So werden Innovationen gefördert und gleichzeitig Menschen und öffentliches Interesse geschützt.

Wie können wir Menschen stärker in die Gestaltung von Gesetzen und Verordnungen in Bezug auf KI einbeziehen?

Es gab bereits viele Initiativen, um Menschen stärker in Gesetzgebungsprozesse zu involvieren. Zwei Faktoren sind dabei entscheidend. Erstens eine klare Kommunikation – also genau zu erklären, worum es geht und zwar so, dass es für alle Bevölkerungsgruppen verständlich ist. Zweitens die praktische Zugänglichkeit – also Möglichkeiten zu schaffen, die es Menschen trotz voller Terminkalender und anderer Prioritätensetzung leicht machen, sich zu beteiligen.

Was begeistert Sie am meisten mit Blick auf die Zukunft von Rechtsforschung und Technologie?

Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Rechtsforschung immer mehr zum Standard wird. So können wir besser verstehen, welche Auswirkungen Gesetze im realen Leben haben, insbesondere in sich rasant entwickelnden Bereichen wie KI.

Mit Blick auf die Zukunft hoffe ich, dass Technologie unser Arbeits- und Privatleben erleichtern wird und uns Aufgaben übernimmt, die wir gerne abgeben würden. Dadurch bliebe uns mehr Zeit und Energie für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Im Fokus: Datenschutz

  • Das zentrale Ziel von Datenschutzgesetzen besteht darin, jeder natürlichen Person die Kontrolle über ihre personenbezogenen Daten zu geben – wer sie sammeln darf, wie und zu welchem Zweck sie verwendet werden – und zugleich Unternehmen gegebenenfalls zur Rechenschaft zu ziehen. Grundsätze wie Rechtmäßigkeit, Transparenz, Zweckbindung, Datenminimierung und Sicherheit der Verarbeitung mindern Risiken und stärken das Vertrauen der Öffentlichkeit, was wiederum verantwortungsvolle Innovationen ermöglichen.

  • Moderne Datenschutzregelwerke verfolgen einen risikobasierten Ansatz. Dieser kombiniert Schutzmaßnahmen wie Datenschutz-Folgenabschätzungen, Transparenzpflicht, menschliche Kontrolle und robuste Data-Governance-Strukturen mit Mechanismen, die sichere Innovationen ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise auf Englisch sogenannte Regulatory Sandboxes. Durch diese Reallabore können sowohl individuelle Folgeschäden als auch umfassendere, systemische Risiken erkannt und adressiert werden, sodass sich die KI auf vertrauenswürdige und sozial vorteilhafte Weise weiterentwickeln kann.

  • Die EU hat durch umfassende Regelwerke wie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sowie ergänzende Data-Governance-Vorschriften, die einen sicheren Rahmen für die Weiterverwendung und den Austausch von Daten schaffen, weitreichende Maßstäbe gesetzt. Diese Standards stärken individuelle Rechte, klären Verantwortlichkeiten und beeinflussen oftmals auch globale Praktiken, da sich viele Unternehmen marktübergreifend an den EU-Anforderungen orientieren.


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    Das Interview wurde zur besseren Verständlichkeit bearbeitet.