Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen ist entscheidend

Interview mit Hexin Wang

Hexin Wang arbeitet seit über 20 Jahren für ZEISS und gehört seit über sechs Jahren zum Management des Shanghai Innovation Centers. „ZEISS profitiert in China von seiner deutschen Tradition und seiner Vernetzung in beiden Ländern“, sagt Wang. Dennoch könnten sich die deutschen Mitarbeiter auch einiges von ihren chinesischen Freunden abschauen.

Herr Wang, 2011 haben Sie das Innovation Center für ZEISS in Shanghai mitgegründet. Wofür braucht es einen solchen Ableger in China?
ZEISS ist ein globales Unternehmen. Deshalb können wir nicht nur in Deutschland präsent sein, sondern müssen in anderen Märkten aktiv werden. Und wir sind damit erfolgreich. 2011 haben wir hier mit sechs entsendeten Kollegen begonnen. Dazu kamen fünf chinesische Angestellte aus der Produktion in Suzhou. Heute sind wir über 80 Mitarbeiter.

Hexin Wang leitet ein Meeting
Hexin Wang leitet ein Meeting

Und die kommen weiterhin aus Deutschland und China?
Bei uns sind mittlerweile nur noch chinesische Mitarbeiter tätig. Manchmal haben wir zudem Mitarbeiter aus Deutschland und anderen Standorten wie USA und Indien als Gäste zu Besuch sowie deutsche Studenten. Die Förderung von Nachwuchskräften ist mir wichtig. Ich habe davon früher selbst profitiert. Außerdem zwingt es unsere Mitarbeiter, Englisch zu sprechen.

Ist Chinesisch die Unternehmenssprache vor Ort?
Ja. Anfangs haben wir viel Wert darauf gelegt, dass unsere Mitarbeiter Englisch sprechen. Viele unserer Bewerber sind fachlich exzellent, sprechen aber kaum Englisch. Wir würden sie verlieren, wenn wir zu starre Vorgaben machten. Mails und Berichte werden jedoch meist auf Englisch verfasst.

Im Kontakt mit den ausländischen Kollegen ist das kein Problem?
Nein, dann bemühen sich die chinesischen Kollegen natürlich, Englisch zu sprechen. Aber selbst als unser Geschäftsführer Maximilian Foerst an unserem jährlichen Kick-off-Meeting teilgenommen hat, haben wir das Treffen auf Chinesisch abgehalten. Ich habe für ihn gedolmetscht. Damit zeigen wir auch unser Vertrauen gegenüber unseren chinesischen Kollegen.

Versuchen Sie, ein deutsches Unternehmen in China zu sein oder ein chinesisches Unternehmen mit deutschem „Mutterschiff“?
Auf jeden Fall Ersteres. Deutsche Unternehmen und ihre Qualität werden in China besonders geschätzt. ZEISS ist in Asien ein Begriff. Unsere Werte sind unsere Stärke.

Shanghai Facts
Fakten zum Standort Shanghai

Gibt es typisch deutsche Gerichte in der Kantine?
Das wäre mal eine Idee (lacht). Aber nein, bei uns gibt es nur chinesisches Essen. Immerhin gibt es Jiaozi, die chinesische Variante der Maultaschen.

Wie erhält man die deutsche Unternehmenskultur an einem Standort, an dem nur Chinesen arbeiten?
Dafür brauchen wir den Kontakt zu unseren deutschen Kollegen. Gerade haben uns zwei Experten aus dem Bereich Microscopy besucht. Diese haben den chinesischen Kollegen gezeigt, wie man Mikroskope reinigt. Viele Mitarbeiter hatten noch nie gesehen, wie gründlich das gemacht werden kann. Diesen Wow-Effekt brauchen wir weltweit bei ZEISS.

Die Kollegen hätten auch eine schriftliche Anleitung schicken können.
Das stimmt. Aber wenn man etwas selbst erlebt hat, versteht man es viel besser. Wir müssen es schaffen, unser Wissen weiterzugeben. Wenn wir an jedem Standort das Rad immer wieder neu erfinden, kostet das viel Zeit und Geld. Deshalb sind der Austausch und die Vernetzung mit Deutschland und umgekehrt so wichtig.

Man versteht sich trotz Sprachbarriere und kultureller Unterschiede?
Das klappt wunderbar. Wir haben mit unseren deutschen Kollegen einen Ausflug in eine andere Stadt gemacht. Sie waren begeistert und meinten, dass ihnen so etwas in Deutschland nie passieren würde. Dass man Kollegen einfach einlädt, um Zeit miteinander zu verbringen. Diese Erfahrung hat die Kollegen zusammengeschweißt.

Regelmäßig per Skype telefonieren reicht also nicht?
Nein, der persönliche Austausch mit den Kollegen ist nicht zu ersetzen. Anfangs lief die Kommunikation zwischen Deutschland und China über die sechs internationalen Mitarbeiter, die das Zentrum aufgebaut haben. Da hatten wir enge Beziehungen nach Deutschland. Jetzt läuft die Kommunikation über chinesische Mitarbeiter, die von Anfang an mit im Team waren und inzwischen eine Führungsrolle übernommen haben. Auch das funktioniert. Trotzdem müssen wir dafür sorgen, dass wir die Beziehungen nach Deutschland regelmäßig pflegen.

Shanghai Innovation Center

Ein Innovationszentrum in China. Früher hieß es, China und Innovation – das sei nichts.
Während meiner Schulzeit musste ich noch alles auswendig lernen. Einzelne Schriftzeichen musste ich tausendfach schreiben. So hat sich die Überzeugung gefestigt, dass Übung den Meister macht. Aber heute ist das anders. Viele Chinesen studieren im Ausland und wissen, was Innovation bedeutet. Im digitalen Bereich hat sich viel getan. In den Bereichen mobile Lösungen, Fintech und künstliche Intelligenz entwickelt sich China zum globalen Vorreiter. Da stehen wir, wie auch alle anderen Unternehmen, unter Druck. Chinesen sind neuen Technologien gegenüber sehr aufgeschlossen. Diese Offenheit und Neugier würden uns auch in Deutschland manchmal guttun.

In China werden Entscheidungen oft von oben nach unten getroffen. Ist Kreativität da überhaupt möglich?
Wir setzen deshalb seit einiger Zeit auf eine Matrix-Struktur: Dabei kombinieren wir zwei Führungssysteme mit Programm- und Projektmanagern, die teilweise in unterschiedlichen Ländern und Zeitzonen arbeiten und Mitarbeiter und Projekte weltweit koordinieren. Das funktioniert gut, ist aber eine ziemliche Herausforderung.

Das scheint schwierig, wenn die Deutschen sehr direkt sind, die Chinesen aber eher durch die Blume kommunizieren, oder?
Es stimmt schon, dass Chinesen eher zurückhaltend sind. Anfangs war es schwer, die chinesischen Kollegen zur Beteiligung an den Besprechungen zu bewegen. Wenn die deutschen Kollegen wissen wollten, ob es noch Fragen gibt, haben die chinesischen Mitarbeiter eisern geschwiegen. So war nicht klar, ob sie alles verstanden hatten.

Offenheit und Neugier sind fest im Shanghai Innovation Center verankert
Offenheit und Neugier sind fest im Shanghai Innovation Center verankert
Hexin Wang

In China spielt das Smartphone in der Kommunikation eine wichtige Rolle. Bekommen Sie eigentlich manchmal eine SMS von Ihren Mitarbeitern?
Unter unseren Mitarbeitern läuft alles über WeChat, dem chinesischen WhatsApp. Wir nutzen WeChat-Gruppen, um beispielsweise die erwähnten Ausflüge zu organisieren. Wir nutzen sie auch für einzelne Abteilungen. Fast die gesamte Kommunikation erfolgt über die App. Die Kollegen aus Deutschland, die hier zu Besuch waren, haben sie sich jetzt auch alle heruntergeladen. Sogar mein Chef in Deutschland hat sie bei seinem letzten Besuch installiert. Über die App kann man sogar kleine Geldgeschenke in digitalen roten Briefumschlägen verschicken. Das ist chinesische Tradition zu Neujahr und anderen festlichen Anlässen. Mein Chef hat auch einen bekommen (lacht).

Hexin Wang

Einander kennenzulernen ist das einzige Mittel, um Hürden in der Kommunikation zu überwinden.

Hexin Wang

In China spielt das Smartphone in der Kommunikation eine wichtige Rolle. Bekommen Sie eigentlich manchmal eine SMS von Ihren Mitarbeitern?
Unter unseren Mitarbeitern läuft alles über WeChat, dem chinesischen WhatsApp. Wir nutzen WeChat-Gruppen, um beispielsweise die erwähnten Ausflüge zu organisieren. Wir nutzen sie auch für einzelne Abteilungen. Fast die gesamte Kommunikation erfolgt über die App. Die Kollegen aus Deutschland, die hier zu Besuch waren, haben sie sich jetzt auch alle heruntergeladen. Sogar mein Chef in Deutschland hat sie bei seinem letzten Besuch installiert. Über die App kann man sogar kleine Geldgeschenke in digitalen roten Briefumschlägen verschicken. Das ist chinesische Tradition zu Neujahr und anderen festlichen Anlässen. Mein Chef hat auch einen bekommen (lacht).

Sie haben selbst 15 Jahre für ZEISS in Deutschland gearbeitet. Was ist der größte Unterschied zwischen den Standorten in China und Deutschland?
Definitiv der Frauenanteil. Bei uns im Vertriebsinnendienst arbeiten nur Frauen. Auch sonst ist der Anteil weiblicher Mitarbeiter höher als in Deutschland. Im Innovation Center liegt der Frauenanteil bei fast 24 Prozent. In China sagen wir: Frauen tragen die Hälfte des Himmels auf ihren Schultern. Das ist eine gute Einstellung. Wie in Deutschland brauchen die Familien auch hierzulande zwei Gehälter zum Überleben. Aber in China helfen die Großeltern nach der Elternzeit selbstverständlich bei der Kinderbetreuung mit. Das ist eine große Entlastung, so dass der Druck nicht so hoch ist.

Wer arbeitet denn Ihrer Meinung nach mehr?
Oh (schmunzelt). Die Flexibilität der chinesischen Mitarbeiter ist schon enorm. Überstunden und Wochenendarbeit sind für chinesische Kollegen kein Problem. In China ist es für viele normal, auch samstags zu arbeiten. Nicht nur, weil es gesetzlich anders geregelt ist, sondern weil sich Kultur und Einstellung der Menschen unterscheiden. Vor Kurzem haben wir ein Produkt innerhalb von 16 Monaten auf den Markt gebracht. Ein Rekord!

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