Wim und Donata Wenders
ZEISS Beyond Talks

Interview mit dem Filmemacher Wim Wenders und seiner Frau, der Fotografin Donata Wenders1

Der Filmemacher Wim Wenders und seine Frau, die Fotografin Donata Wenders, sprachen mit uns darüber, wie Technologie ihr Kunstschaffen für immer verändert hat.

Seit über 175 Jahren stellt man sich bei ZEISS die Frage: Wie können wir die Grenzen der Vorstellungskraft herausfordern? Diese Vision war für ZEISS der Anlass, in der Gesprächsreihe ZEISS Beyond Talks den Austausch mit Vordenkern und führenden Intellektuellen aus der ganzen Welt zu suchen und mit ihnen über ihre Arbeit, ihre Visionen, ihre Leidenschaften und aktuelle Fragen im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung unserer Welt zu sprechen.

Sie arbeiten schon sehr lange in der Filmbranche. Welche Veränderungen haben Sie in dieser Zeit erlebt?

Wim: Erst kürzlich habe ich festgestellt, dass ich seit sieben Jahrzehnten Filme mache – unglaublich, oder? Das ist eine sehr lange Zeit.

Als ich damals anfing, war alles völlig anders. Ich arbeitete zuerst noch mit meiner eigenen 16-mm-Kamera. Doch ich wollte Filme fürs Kino machen – und da wurde im 35-mm-Format gedreht. Eine andere Option gab es nicht. Videos kamen erst 10 oder 20 Jahre später auf und der Begriff „digital“ stand noch nicht einmal im Wörterbuch. Man brauchte also einen Film und ein Labor, um ihn zu entwickeln. Das war alles sehr teuer.

Filme konnte man damals nur als Filmstudent machen – mit der von der Filmhochschule zur Verfügung gestellten Ausrüstung. Das allein war Grund genug, auf die Filmhochschule zu gehen!

Alles war anders: das Verfahren, die Ausrüstung, das Geschäft, und auch das, was man erreichen konnte. Sogar die Sprache des Geschichtenerzählens war eine andere als heute. Alles war langsamer. Unsere Gehirne arbeiteten langsamer, man schnitt sogar langsamer.

Wir Filmemacher erzählen immer noch Geschichten. Aber alles andere, was damit zusammenhängt, ist Lichtjahre von dem entfernt, wie es früher war. Wenn ich darüber nachdenke, ist das Objektiv das einzige, das man in den 1960er und 1970er Jahren genauso gebraucht hat wie heute. Alles andere hat sich verändert.

Filmemacher Wim Wenders

Beim Filmemachen ist das Objektiv das einzige, das man in den 1960er und 1970er Jahren genauso gebraucht hat wie heute. Alles andere hat sich verändert.

Wim Wenders

Filmemacher
ZEISS Beyond Talks Podcast
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The Podcast

Der Podcast „ZEISS Beyond Talks“ ist eine Interviewreihe mit führenden Wissenschaftlern, bekannten Künstlern und ZEISS Experten aus aller Welt, die wichtige Meilensteine umspannt. Alle Beiträge suchen Antworten auf die Frage: Wie können wir die Grenzen der Vorstellungskraft herausfordern?

Waren die Veränderungen in der Fotografie auch so grundlegend?

Donata: Ja. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um von analog auf digital umzusteigen.

Der Hauptgrund, warum es mich ursprünglich zur Fotografie hingezogen hat, war die Dunkelkammer. Die Arbeit mit den Chemikalien und diesem wunderbaren Papier faszinierte mich. Man hatte einfach etwas in den Händen. Jede Lösung hatte ihren eigenen Charakter und ich liebte es, alle diese Lösungen auf unterschiedliche Weise zusammenzumischen.

Die Momente des Wartens auf das fertige Bild waren immer spannend und voller Ungewissheit. Und auch wenn man es schon hunderte Male gemacht hatte, verflog der Reiz des Neuen, des Überraschenden nie.

Kann man also sagen, dass es beim Filmemachen und beim Fotografieren vor allem auf die Technik ankommt?

Wim: Ich liebe die Technik, wenn sie meine Möglichkeiten erweitert. Wenn ich mit ihrer Hilfe eine Geschichte erzählen kann, die ich sonst nicht hätte erzählen können.

Die digitale Technik hat großartige Werkzeuge hervorgebracht. Dank ihr können wir die Welt, in der wir leben, auf eine völlig neue Weise zeigen. Sich der Welt von heute mit der Technik von gestern nähern zu wollen, würde nicht funktionieren.

Maler verwenden für ihre Kunst zweidimensionale Leinwände. Doch sie finden Wege, uns glauben zu machen, wir würden mehr Dimensionen sehen. Ähnlich ist es beim Film, wo wir mit unglaublichen Techniken beispielsweise Menschen durch den Raum bewegen können. Dabei ist dieser Raum gar nicht da – er ist reine Illusion.

Die heutigen Möglichkeiten, Menschen in eine bestimmte Realität zu versetzen, finde ich großartig. Und ich glaube, dass sich diese Möglichkeiten in Dokumentarfilmen sogar noch besser nutzen lassen als in Spielfilmen. Sie können die Menschen damit an einen bestimmten Ort bringen und ihnen das Gefühl geben, wirklich an diesem Ort zu sein.

  • Wim Wenders und seine Frau Donata

Glauben Sie, dass Erfahrungen die Kraft haben, Veränderungen zu bewirken?

Wim: Filme können die Welt nicht im gleichen Maße verändern wie die Politik oder Unternehmen, wie einstürzende Gebäude, Waldbrände oder Naturkatastrophen. Aber Filme können die Wahrnehmung der Realität verändern, sodass die Menschen die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen und sie verändern wollen. Diese Hoffnung hat man als Filmemacher.

Filme verändern nicht die Welt, aber sie können die Art und Weise verändern, wie Menschen die Welt sehen. Und das ist ein zutiefst politischer Vorgang.

Jeder Film ist politisch. Das gilt insbesondere für Unterhaltungsfilme, denn sie tragen dazu bei, dass die Menschen mit dem Status quo zufrieden sind. Ich jedoch mag Filme, die Menschen erkennen lassen, wie die Dinge anders sein könnten. Oder zumindest, dass sie die Freiheit haben, die Welt anders zu sehen.

Ich bin ein Geschichtenerzähler, der versucht, unsere Zeit so darzustellen, wie sie ist, sodass sich die Menschen fragen: Wie möchte ich leben? Wie möchte ich mit diesen Dingen umgehen? Können wir besser leben? In welcher Welt leben wir? Das ist meine Einstellung zum Geschichtenerzählen.

Letztlich sind es doch Fragestellungen dieser Art, die man mit Literatur, Poesie und Musik erreichen will. Ich kann die Dinge nicht verändern, aber ich kann die Menschen für Veränderungen öffnen. Filme spielen eine wichtige Rolle dabei, dass die Menschen erkennen, dass sie etwas verändern können.

Wim Wenders und seine Frau Donata

Filme verändern nicht die Welt, aber sie können die Art und Weise verändern, wie Menschen die Welt sehen.

Wim Wenders

Filmemacher

In der Kunst sprechen wir oft von der Kraft der Imagination. Wie zeigt sich diese Kraft beim Filmemachen?

Wim: Imagination ist ein konstanter Prozess, der niemals aufhört. Lange bevor es einen Film oder auch nur einen ersten Plan dafür gibt, träumt man vielleicht davon und macht nach dem Aufwachen Notizen. Oder man liest etwas oder sieht einen bestimmten Ort und fragt sich, wie es wohl wäre, dort zu drehen.

Imagination begleitet uns jeden Tag, selbst am Set. Und sie verändert sich. Manchmal, etwa beim Schneiden, zeigt sich, dass die besten Ideen und größten Hoffnungen dem, was man wirklich vermitteln will, im Weg stehen. Zu viel Imagination kann auch dazu führen, dass die größten Erwartungen nicht erfüllt werden. Es ist ein Prozess, der sich bis zur Fertigstellung eines Films fortsetzt.

Tatsächlich glaube ich, dass Imagination sogar noch über diesen Moment hinaus nachwirkt. Ein Film existiert ja nicht nur in einer Dose oder auf einer Festplatte. Er existiert, wenn Menschen ihn sehen – und wenn sie ihn mit anderen Augen sehen als man vermutet hätte. Das ist der schönste Aspekt des Filmemachens: dass sich die Imagination selbst in der Wahrnehmung des Films fortsetzt. Filmemachen ist dadurch auf wunderbare Weise interaktiv.

Donata, können Sie uns ein Beispiel für diese Imagination in Ihrer Arbeit als Fotografin geben?

Donata: Für mich ist Imagination ein Dialog. Es ist eher ein Gefühl, das sich mit dem Menschen oder dem Ort weiterentwickelt, mit dem man interagiert.

Einmal hat mich ein Mann am Set sehr inspiriert. Er war so tief in seine Bücher versunken, wie ich es noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Wenn er ein Buch vor sich in den Händen hielt, war er völlig in seiner eigenen Welt versunken. Das hat mich unglaublich fasziniert.

Wenn ich jemanden fotografiere, ist eigentlich immer Faszination im Spiel – ich würde es sogar Liebe nennen. Ich möchte zeigen, wie liebenswert diese Person ist, was immer sie in diesem Moment tut.

Donata Wenders

Wenn ich jemanden fotografiere, ist eigentlich immer Faszination im Spiel – ich würde es sogar Liebe nennen.

Donata Wenders

Fotografin

Dies sind schwierige Zeiten für das Kino. Wie sehen Sie die Zukunft?

Wim: Die Pandemie hat der Institution Kino einen schweren Schlag versetzt. Viele Häuser mussten schließen, sind immer noch geschlossen oder werden nie wieder öffnen.

Gleichzeitig hat die Pandemie Streaming-Diensten zu einem unglaublichen Aufschwung verholfen. Die Anbieter hätten sich wohl selbst niemals vorstellen können, dass die Entwicklung so rasant vor sich geht und sie so viele Menschen erreichen. Inzwischen streamt fast jeder.

Die Frage ist: Werden die Kinos in der Lage sein, einen Teil ihres Publikums zurückzuholen? Dabei geht es auch um kulturelle Gewohnheiten. Werden die Menschen, wenn die Pandemie einmal vorüber ist, das gemeinsame Erlebnis eines Kinobesuchs wieder schätzen? Werden sie sich zwei Stunden in ein Kino setzen, ohne die Möglichkeit vorzuspulen, den Film zu unterbrechen oder ihn anzuhalten, um ihn am nächsten Tag weiter anzusehen? Das ist für mich eine wichtige Frage.

Für viele junge Menschen ist Kino völlig uninteressant. Aber wir können ihnen nicht vorschreiben, dass sie ins Kino gehen und dann still sein und ihre Telefone am Eingang abgeben sollen. Menschen verändern sich. Was nach dieser Veränderung kommt, ist eine Frage der Anpassung.

Wim und Donata Wenders
Wim und Donata Wenders

Wim Wenders ist ein vielfach ausgezeichneter deutscher Filmemacher, der seit den 1960er Jahren als Autor, Regisseur und Produzent arbeitet. Sein 1984 entstandener Film „Paris, Texas“ gewann bei den BAFTA Awards in der Kategorie Beste Regie und bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes erhielt er die Goldene Palme. Sein Dokumentarfilm „Buena Vista Social Club“ wurde 1999 für drei Oscars nominiert.

Wim und Donata Wenders, eine deutsche Fotografin, die zunächst beim Film als Kamera-Assistentin arbeitete, heirateten 1993. Donata Wenders hat mehrere Fotografie-Bücher veröffentlicht und ihre Arbeiten erschienen in der Vogue, der New York Times, dem Rolling Stone und anderen Zeitschriften. Außerdem arbeitet sie als Fotografin an den Filmsets ihres Mannes.

Making-of


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    Das Interview wurde zur besseren Verständlichkeit bearbeitet.